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Wieso hat das so lange gedauert?

Veröffentlicht: 12.11.2009 um 17:00 von Nergal
Mit fuchtelnden Armen winkt uns jemand von der Haustüre aus zu, dann müssen wir da wohl richtig sein. Nach dem drücken der "4" auf unserem Funkmeldesystem steige ich aus dem Wagen um schon das oft gehörte: "Wieso hat das so lange gedauert?" wortlos zur Kenntnis zu nehmen, während ich den Koffer und das EKG und der Kollege den Sauerstoff und das Klemmbrett aus dem Wagen nimmt.

Die Gedanken sind noch ganz woanders.

Der Alarm kam um 00:23 Uhr. Vom lauten Funkmeldeempfänger geweckt, ziehe ich die Einsatzklamotten an, springe in die Sicherheitsstiefel und schnappe mir beim rausgehen noch die Jacke und den Schlüssel. Um 00:31 Uhr treffe ich zeitgleich mit dem Kollegen in der Unterkunft ein und wir besetzen den dortigen Rettungswagen und bestätigen über den Status "5" auf dem Funkmeldesystem, gefolgt von der "1" der Leitstelle unsere Verfügbarkeit.

Man schickt uns in den Nachbarort zu einem internistischen Notfall, bewußtlose Person. Als "Anmerkung" wird uns dann erklärt, dass der reguläre Rettungswagen auf dem Weg zum Einsatzort einen Eigenunfall hatte und der ebenfalls alarmierte Notarzt nun mit zwei weiteren Rettungswagen an dieser Einsatzstelle gebunden ist. Wir fahren also vorerst ohne Notarzt dorthin.

Wir bestätigen den Auftrag mit der "3" und fahren los. Wir müssen zwangsweise an der Unfallstelle der Kollegen vorbei und sehen, dass ein Kleinbus den Rettungswagen wohl gerammt hat und sowohl Kleinbus als auch RTW stark demoliert sind. Sehr viel Feuerwehr, Polizei sowie weitere Kollegen sind an der Einsatzstelle, die wir zügig passieren.

"Hoffentlich geht es den Kollegen gut" war alles was mein Kollege sagen konnte und ich nickte nur.

00:44 Uhr sagt später der Einsatzleitrechner war es, als ich die "4" drückte und damit der Leitstelle unsere Ankunft am Einsatzort signalisierte.

Der Einsatz selbst läuft mit einer gewissen Automatik ab. Standardmaßnahmen werden durchgeführt, die "bewußtlose Person" reagiert sehr wohl noch auf Ansprache und ist bekannte Diabetikerin. Ein periphervenöser Zugang aus dem auch dann der Blutzucker gemessen wird bestätigt dann die vermutete Unterzuckerung und nach langsamer und kontrollierter Gabe von Glucose wird die Person schnell wacher und gibt schließlich präzise und orientierte Antworten. Nach Aufklärung über den Sachverhalt entscheidet sich die Patientin dann sich morgen noch mal zur Kontrolle beim Hausarzt vorzustellen und ggfs. neu einstellen zu lassen bzw. auch öfter selbst zu kontrollieren. Ein Transport in die Klinik ist nicht nötig. Nach entfernen des Zugangs und Ausfüllen des Protokolles melden wir uns um 01:56 Uhr wieder frei auf Funk und werden nach Hause geschickt.

An der Unterkunft noch mal mit der Leitstelle telefoniert und zum Glück erfahren, dass beide Kollegen nur leicht verletzt wurden und noch mal mit dem Schrecken davongekommen sind.
Zum Glück waren beide auf dem Weg zu einem Einsatz und somit vorne im Wagen und angeschnallt.
Zum Glück war kein Praktikant mit an Bord der im Patientenraum sicherlich schwerste Verletzungen abbekommen hätte.

Mit immer noch flauem Gefühl verabschiede ich mich vom Kollegen und versuche noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen.

Kommentare 5

Kommentare

Alt
Benutzerbild von Alannah
Zum Glück ists für die Kollegen glimpfig ausgegangen ... sonst hätte das "Wieso hat das so lange gedauert" einen sehr viel bitteren Beigeschmack.
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Veröffentlicht: 14.11.2009 um 11:44 von Alannah Alannah ist offline
Alt
Benutzerbild von Seadina
Mir schnürt sich die Brust ein, wenn ich das lese, wenn ich daran denke, dass mein Vater 20 Jahre lang Rettungsassistent war und wenn ich daran denke, was er mir so alles erzählt hat. Oder wenn ich gesehen habe, dass der Chef der Rettungsleitstelle den Defi im Wagen mit Nieten an die Pappwand gepackt hat. Ich muss daran denken, was meine Mutter für Ängste ausgestanden haben muss wenn mein Vater früher jeden Dienstag Nachtschicht hatte und vielleicht kann ich jetzt etwas besser verstehen, warum ich in diesen Nächten in ihrem Bett schlafen durfte.
Allerdings war ich auch schon auf der anderen Seite. Wenn man eine dreiviertel Stunde warten muss, weil der beste Freund mit ner offenen Wunde mitten in der Pampa sitzt, man aber noch lachen kann, weil der Unfall gar so dämlich war. Oder wenn 13 Minuten wie tausend Jahre wirken, weil die beste Freundin plötzlich einen Krampfanfall hat und man ums verrecken nicht weiß was man tun soll. Wenn man schon nicht normal mit der Leitstelle kommunizieren konnte weil man nur noch schreien konnte und die Dame hat trotzdem verstanden was passiert ist. Oder wenn man sich überhaupt keine Vorstellung mehr von Zeit und Raum machen kann sondern nur noch an seine Beine denkt, die man nicht mehr spürt. Wenn die Sanitäter einen in das Erdnussbett legen und für eine Fahrt ins Krankenhaus, die normalerweise zwanzig Minuten, höchstens 30 dauert über eine Stunde fahren, verzweifelt darum bemüht keine Erschütterung zu fahren, keine Kurve zu scharf zu nehmen während der andere versucht ein Mädchen zu beruhigen, das keinen Fußsohlenreflex hat. Oder wenn man sich Jahre später an die Fahrt ins Krankenhaus erinnert bei der der Sani mit einem Lächeln auf dem Gesicht Geschichten erzählt hat, die man dann weiterführen musste. Nur dass man, als man das lächelnd wie eine schöne Erinnerung am Tisch erzählt erfährt, dass man wahrscheinlich nicht lebend in der Klinik angekommen wäre, wenn man das Bewusstsein verloren hätte und der gute Mann sich deswegen alle Mühe auf Erden gemacht hat um das Kind wach zu halten.
Entschuldigung, es ist wahrscheinlich ziemlich übertrieben, aber mir kommen grad die Tränen.
Danke, dass du das tust, Nergal. Und danke, dass du es weitermachst.
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Veröffentlicht: 14.11.2009 um 12:17 von Seadina Seadina ist offline
Alt
Benutzerbild von Alyah
Das tut sicherlich im ersten Moment regelrecht weh, man macht, so schnell es geht und dennoch wird man vor den Kopf gestoßen. Vermutlich muss man sich da sagen, dass so etwas die reinste Übersprungshandlung ist. Vermutlich reine Verzweiflung und ein Ausdruck von Panik, die mal rausmusste.

Den Job, den du machst, Nergal, den kann nicht jeder, man muss schnell sein, das Wissen haben und furchtlos sein, Hut ab, ehrlich. Wieder habt ihr zusammen jemandem geholfen.

Dass die Kollegen einen Unfall hatten, das macht das ganze sicherlich nicht leichter aber wenigstens ist nichts Schlimmeres passiert und das ist doch irgendwie das Wichtigste.

Ich denke, du kannst absolut stolz auf dich sein.
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Veröffentlicht: 14.11.2009 um 23:24 von Alyah Alyah ist offline
Alt
Benutzerbild von Nergal
Ich möchte hier keine falschen Eindrücke wecken. Ich liebe diesen Job, ich mache ihn sehr gerne und ich denke nicht daran, damit aufzuhören.

Klingt komisch? Nein, denn so schmerzlich manch erlebtes oder manch ein Einsatz auch sein kann... ein einziger erfolgreicher Einsatz und ein damit sehr dankbarer Mensch entschädigen für viele schlechte Einsätze.

@Sea: Danke! Weiss gar nicht mehr darauf zu schreiben eigentlich. Nicht zuletzt über Deinen Vater hast Du dann ja vermutlich auch einen recht guten Einblick in das ganze Thema gehabt. Und ja, der Sanitäter hat gut gehandelt und so sollte es sein... eigentlich sind das aber gerade die schwierigeren Sachen. Denn die technischen Dinge wie anlegen Stifneck, auf die Vakuummatzratze lagern, EKG, RR, etc. ist alles einfach nur stumpfe Übungssache... aber solch menschliche "Tricks" wie in dem Beispiel... die sind schwer zu erlernen bzw. zu vermitteln. Man sollte es wohl einfach haben bei dem Job.... danke für den Beitrag!

@Alyah: Wir hören das ja nun wirklich so oft... und ich beachte es schon gar nicht mehr. Gerade in dem Fall aber, wenn der Kopf noch bei dem Unfall ist, ist das noch etwas das in (schlechter) Erinnerung bleibt. Ich mache dem Angehörigen und seiner Frau (der Patientin) keinen Vorwurf. Sie konnten das ja alles nicht wissen... und sie waren nunmal in einer Notlage, die dringender Hilfe bedurfte. Und natürlich auch Dir danke!
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Veröffentlicht: 15.11.2009 um 03:08 von Nergal Nergal ist offline
Alt
Benutzerbild von Lexa
Irgendwie erinnert das an eine Beschwerdehotline. Die sind ja auch dazu da, jemanden anzuschnauzen und gleichzeitig Hilfe von ihm zu verlangen

Was Alyah und Sea geschrieben haben, stimmt wohl - aber ist es denn was Neues, dass Notrufende nicht völlig cool und rational auf den Lebensretter warten, sondern vielleicht mal was Ungehaltenes von sich geben?
Natürlich wirkt es mit persönlichen Umständen anders. Noch blöder wäre es wohl gewesen, wenn kurz zuvor jemand Geliebtes gestorben wäre.
Ehrlich gesagt versteh ich nicht, weshalb ihnen unterstellt wird, sie würden sich unangemessen verhalten und/oder die Arbeit der Helfer nicht entsprechend würdigen.

Nergal, du hast dich davon distanziert, und dennoch bleibt mir der Nachgeschmack...

Wie auch immer. Lob spare ich mir hier - dass Helfer unbekannte Helden sind, weiß ich insgeheim
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Veröffentlicht: 15.11.2009 um 10:03 von Lexa Lexa ist offline
 
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